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Große Ernüchterung: Die Marihuana-Industrie in den USA kriselt

2019 haben die sechs größten Marihuana-Konzerne in den USA über 25 Milliarden Dollar verloren

  • Von Hannes Breustedt
  • 16.01.2020, 09:39 Uhr
  • Lesedauer: 4 Min.

New York. Börsensturz, Geldnot, eine Pleitewelle droht: In Nordamerikas Cannabis-Industrie macht sich nach dem Rausch der vergangenen Jahre Katerstimmung breit. Trotz des Booms im Zuge der Legalisierung in Kanada und etlichen US-Bundesstaaten wurden die hohen Erwartungen vieler Unternehmer und Anleger bislang nicht erfüllt. Inzwischen deutet sogar einiges auf eine Investitionsblase hin. Ist die Luft schon wieder raus aus dem Trendthema?

Die Hoffnungen waren enorm – dafür gab es auch gute Gründe. Im Jahr 2018 ließen zuerst der bevölkerungsreichste US-Bundesstaat Kalifornien und dann Kanada Marihuana als Genussmittel zu. Damit öffneten sich die bislang weltweit größten Märkte für legalen Anbau und Handel der Droge, was einen Ansturm von Investoren auslöste. Die Aussicht auf hohe Renditen lockte Milliarden an Anlegergeld an.

Diverse Promis rührten die Werbetrommel für Cannabis-Firmen – von American-Football-Legende Joe Montana und Hollywood-Schauspielern wie Whoopi Goldberg oder Woody Harrelson über Ex-Boxchampion Mike Tyson bis hin zu Rapper Snoop Dogg sowie Erben von Reggae-Ikone Bob Marley und Silicon-Valley-Starinvestor Peter Thiel. Doch das vergangene Jahr brachte die Branche mit Wucht auf den Boden der Realität zurück.

Der Marihuana-Aktienindex WEED, der die Wertentwicklung börsennotierter Cannabis-Unternehmen misst, brach 2019 um fast die Hälfte ein. Seit April liegt er sogar mit deutlich mehr als 60 Prozent im Minus. Rund 25 Milliarden Dollar haben die größten sechs Konzerne seitdem an Börsenwert eingebüßt. »Dies ist das 2008 der Cannabis-Industrie«, meint Kevin Murphy, der Chef des Branchenriesen Acreage Holdings – ein Vergleich mit dem Horrorjahr der Finanzkrise.

Nach Bundesgesetz immer noch verboten

Was sind die Gründe für den Absturz? In den USA ist Marihuana zwar mittlerweile in 33 Bundesstaaten zu medizinischen Zwecken oder ganz erlaubt, doch unter dem Bundesgesetz nach wie vor verboten. Solange sich dies nicht ändert, stehen Cannabis-Firmen vor Problemen. Banken, Versicherer und Finanzdienstleister machen einen Bogen um die Branche – Kredite und sogar Konten sind häufig schwierig zu bekommen. In Krisenzeiten kommt noch ein weiterer großer Nachteil hinzu.

Denn wegen des Verbots unter dem Bundesgesetz können die Unternehmen auch keinen Gläubigerschutz unter dem Insolvenzrecht beantragen. Und die Situation scheint bereits prekär. Laut Finanzdienst Bloomberg erhalten nur noch die stärksten Firmen frische Mittel an den Kapitalmärkten. Einem Dutzend kleinerer Unternehmen drohe 2020 die Pleite, zitiert Bloomberg einen anonymen Manager aus der Branche. Einigen Firmen könne schon in den nächsten Wochen das Geld ausgehen.

Selbst einige große Unternehmen sind in Nöten. So kündigte das kalifornische Schwergewicht MedMen Enterprises jüngst einen radikalen Personalabbau sowie Verkäufe von Geschäftsteilen an und sah sich trotz ungünstiger Konditionen zu einer Kapitalerhöhung gezwungen. Im US-Nachbarland Kanada ist die Lage zwar anders, aber ebenfalls kritisch. Marihuana ist hier bundesweit erlaubt, dennoch tun sich viele Firmen schwer. Die ersten Insolvenzen haben bereits begonnen.

In Kanada blieb der erhoffte Andrang auf legales Marihuana bislang schlichtweg aus. Umfrageergebnisse der Regierung zeigen, dass im dritten Quartal lediglich 28 Prozent der Konsumenten Marihuana auf legalen Wegen besorgten. Der Großteil setzt offenbar – wie übrigens auch in Kalifornien – weiter auf den Schwarzmarkt, wo die Preise günstiger sind. Der legale Handel kommt nur schwer in Gang, bisher entstanden deutlich weniger Cannabis-Läden in Kanada als erwartet.

Zweite Legalisierungswelle in Kanada

Die junge Branche hofft, dass sich dies bald ändert. Für Zuversicht in Kanada sorgt immerhin, dass eine zweite Legalisierungswelle gerade erst anrollt. Denn bislang ging es nur um den klassischen »Gras«-Verkauf, doch einen großen Teil des Geschäfts mit Marihuana machen inzwischen »Edibles« aus. Der Überbegriff umfasst diverse Artikel rund um die Droge – von Drinks, Ölen und Keksen über Pillen und Salben bis hin zu Beruhigungsmitteln oder Appetitanregern.

Diese Produkte wurden erst in einem zweiten Schritt erlaubt und sind nun der große Hoffnungsbringer der gebeutelten Industrie. Die Wirtschaftsberatung Deloitte rechnet damit, dass dieser »Cannabis 2.0«-Trend das Marktpotenzial erst richtig entfaltet. Kanada werde deshalb treibende Kraft eines Wachstumsschubs bleiben, der das weltweite Volumen des Cannabis-Marktes bis 2025 von aktuell 100 Milliarden auf 194 Milliarden US-Dollar ansteigen lassen dürfte.

Auch in den USA gibt es durchaus Optimisten. Analystin Vivien Azer vom Investmenthaus Cowen & Co etwa sieht die drohende Insolvenzwelle als eine Art Gesundschrumpfen, das der Industrie letztlich helfen werde. Der Markt müsse »aufgeräumt« werden. Zumindest scheint das zeitweise gefürchtete Szenario eines strikten Durchgreifens der US-Bundesregierung gegen Cannabis immer unwahrscheinlicher. Mit dem Abgang von Donald Trumps erstem Justizminister Jeff Sessions (»Gute Menschen rauchen kein Marihuana«) ist ein großes Risiko verschwunden.

Und die Zustimmung der Menschen zur Legalisierung war nie höher, so dass die Regierung Trump sich mit einer harten Linie gegen Cannabis wohl keinen Gefallen täte. Einer CBS-Umfrage zufolge sprachen sich 2019 rund 65 Prozent der Erwachsenen in den USA für legales Marihuana aus – ein Höchstwert. Erstmals befürwortet das demnach auch eine 56-prozentige Mehrheit der republikanischen Wähler. Hinweise auf eine bundesweite Legalisierung gibt es bislang allerdings nicht, auch wenn sich Präsident Trump vor vielen Jahren mal dafür ausgesprochen hat. dpa/nd

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Die voranschreitende Legalisierung von Marihuana in den USA sorgte für Boomstimmung in einer neu entstehenden Industrie. Die mit viel Anlegergeld hochgerüstete Branche ist zurück auf dem Boden der Realität – und muss jetzt Abstriche machen.

Deutscher Bundestag

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Neue Vor­stöße zum Umgang mit Canna­bis beraten

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Anträge der FDP für Cannabis-Modellprojekte und der Linken, den Besitz von Cannabis zum Eigenbedarf zu erlauben, sowie ein Gesetzentwurf von Bündnis 90/Die Grünen für ein Cannabiskontrollgesetz standen am Donnerstag, 22. Februar 2018, im Zentrum einer 45-minütigen Debatte. Alle drei Vorlagen wurden anschließend zur federführenden Beratung an den Gesundheitsausschuss überwiesen.

Antrag der FDP

Die FDP spricht sich in ihrem Antrag ( 19/515) dafür aus, Modellprojekte für den freien Cannabis-Konsum zu ermöglichen. Der Kampf gegen den Cannabis-Konsum durch Repression sei gescheitert. Es sei deshalb an der Zeit, neue Wege in der Suchtprävention zu beschreiten, argumentiert die Fraktion.

In ihrer Vorlage fordert sie die Bundesregierung auf, die Grundlage für die Genehmigung von Modellprojekten zur kontrollierten Abgabe von Cannabis als Genussmittel zu schaffen. Bisherige Antragsteller sollten aktiv unterstützt werden. Andere Länder und Kommunen, die ein solches Modellprojekt umsetzen wollten, gelte es zu unterstützen und zu beraten.

Gesetzentwurf der Grünen

Der Gesetzentwurf der Grünen ( 19/819) sieht vor, Cannabis aus den strafrechtlichen Regelungen des Betäubungsmittelgesetzes herauszunehmen und stattdessen einen strikt kontrollierten legalen Markt für Cannabis zu eröffnen. Erst in einem solchen Markt könne das Verbot, Cannabis an Minderjährige zu verkaufen, wirksam überwacht werden. Die Fraktion will, dass die gesamte Handelskette für Cannabis vom Anbau über den Großhandel, den Im- und Export und den Einzelhandel reguliert wird. Der Verkauf an Minderjährige müsse verboten und dieses Verbot effektiv kontrolliert werden.

Die Fraktion plädiert für einen Mindestabstand der Cannabisfachgeschäfte von Schulen und Jugendeinrichtungen, für ein Werbeverbot sowie für Zugangskontrollen mit Altersnachweis. Sie will ferner Angaben über die Inhaltsstoffe und deren Konzentration vorschreiben. Umfangreiche Beipackzettel, Warnhinweise und Qualitätsstandards seien notwendig. Die Cannabisfachgeschäfte müssten zahlreiche Auflagen hinsichtlich des Verkaufs und der Schulung ihres Verkaufspersonals erfüllen. Außerdem solle ein Grenzwert für Cannabis ähnlich der Promillegrenze für Alkohol eingeführt werden.

Antrag der Linken

Die Fraktion fordert, den Besitz von Cannabis zum Eigenbedarf zu erlauben und die Säulen der Suchtprävention, Beratung und Behandlung in der Drogenpolitik gegenüber der Säule der Repression und Stigmatisierung zu stärken. (sas/vom/22.02.2018)

Marginalspalte
Reden zu diesem Tagesordnungspunkt

© Dr. Hans-Peter Friedrich/ Henning Schacht

Friedrich (Hof), Dr. Hans-Peter

Dr. Wieland Schinnenburg

© Dr. Wieland Schinnenburg/ Burgis Wehry

Schinnenburg, Dr. Wieland

© Stephan Pilsinger/ Timo Hänseler

Pilsinger, Stephan

© Sabine Dittmar/ Aysenur Catik, Hoffotografen

Dittmar, Sabine

© Dr. Hans-Peter Friedrich/ Henning Schacht

Friedrich (Hof), Dr. Hans-Peter

Prof. Dr. Axel Gehrke

© Deutscher Bundestag/ Stella von Saldern

Gehrke, Prof. Dr. Axel

© Niema Movassat/ Julia Bornkessel

Movassat, Niema

Dr. Kirsten Kappert-Gonther

© Deutscher Bundestag/Thomas Trutschel

Kappert-Gonther, Dr. Kirsten

Bündnis 90/Die Grünen

Hilse, Karsten

Dr. Kirsten Kappert-Gonther

© Deutscher Bundestag/Thomas Trutschel

Kappert-Gonther, Dr. Kirsten

Bündnis 90/Die Grünen

Krauß, Alexander

Heidenblut, Dirk

© Deutscher Bundestag / Stella von Saldern

Henke, Rudolf

© Dr. Hans-Peter Friedrich/ Henning Schacht

Friedrich (Hof), Dr. Hans-Peter

Dokumente
  • 19/515 – Antrag: Cannabis-Modellprojekte ermöglichen – 25.01.2018
  • 19/819 – Gesetzentwurf: Entwurf eines Cannabiskontrollgesetzes (CannKG) – 20.02.2018
  • 19/832 – Antrag: Gesundheitsschutz statt Strafverfolgung – Für einen progressiven Umgang mit Cannabiskonsum – 21.02.2018
  • Fundstelle im Plenarprotokoll
Beschluss
  • Überweisung 19/515, 19/819, 19/832 beschlossen
Tagesordnung
Weitere Informationen
  • Sachstand „Geplante Regelungen zur GKV-Erstattung von Cannabis-Arzneimitteln im Lichte der Therapiefreiheit“
  • Ausarbeitung „Teilnahme von Patienten an einer Begleitforschung als Voraussetzung für die Übernahme der Behandlungskosten durch die GKV“
  • Ausarbeitung „Legale Anwendungsmöglichkeiten für Cannabis und Cannabis-Wirkstoffe zu medizinischen Zwecken in Deutschland. Derzeitige Rechtslage und aktuelle Reformbemühungen“
Herausgeber

Artikel

Sachverständige streiten über den Umgang mit Cannabis

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Die Befürworter einer Freigabe der Droge verwiesen, auch in ihren schriftlichen Stellungnahmen, auf die aus ihrer Sicht gescheiterte Prohibition und die enormen Kosten für die Strafverfolgung. Andere Sachverständige warnten hingegen vor einer Suchtgefährdung insbesondere junger Leute und forderten eine restriktive Verbotspolitik. Psychiater verdeutlichten die Risiken des Cannabiskonsums und betonten, dass die möglichen Wirkungen der Droge noch nicht alle erforscht sind.

Anträge der Fraktionen

Die FDP-Fraktion schlägt in ihrem Antrag ( 19/515) vor, Modellprojekte für den freien Cannabiskonsum zu ermöglichen. Das Ziel müsse sein, die Verbreitung von Cannabis zu kontrollieren und den Gesundheits- und Jugendschutz in der Bevölkerung zu verbessern. Die Linke fordert in ihrem Antrag ( 19/832), von einer strafrechtlichen Verfolgung bei Volljährigen abzusehen, wenn es um bis zu 15 Gramm getrocknete Teile der Cannabispflanze oder äquivalente Mengen anderer Cannabiserzeugnisse oder bis zu drei Cannabispflanzen zum Eigenkonsum gehe. Zudem wäre eine staatlich kontrollierte Abgabe denkbar.

Die Grünen zielen mit ihrem Gesetzentwurf ( 19/819) darauf ab, Cannabis aus den strafrechtlichen Regelungen des Betäubungsmittelgesetzes zu lösen. Stattdessen sollte ein kontrollierter legaler Markt für Cannabis eröffnet werden mit einer staatlich regulierten Handelskette. Der Verkauf an Minderjährige wäre verboten, eine Cannabissteuer würde eingeführt.

Haucap: Die Nutzer besser schützen

Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Justus Haucap argumentierte, mit der Freigabe von Cannabis könnte dem organisierten Verbrechen die Kontrolle über den Markt wirksam entzogen werden. So ließen sich Nutzer besser schützen, denn Cannabis sei heute auch für Jugendliche problemlos zu bekommen. Drogendealer hätten kein Interesse, Qualität zu verkaufen. Vielmehr würden den Drogen oft extrem schädigende zusätzliche Substanzen beigemischt.

Zudem wollten die Dealer ihren Kunden tendenziell härtere Drogen verkaufen, weil dies den Profit steigere. Dies könne dazu führen, dass Konsumenten zu anderen Drogen verleitet würden. Positive Nebeneffekte einer Freigabe wären Steuereinnahmen und Arbeitsplätze.

Thomasius: Belastungen berücksichtigen

Der Suchtforscher Prof. Dr. Rainer Thomasius erklärte hingegen, das Mehrsäulen-Konzept aus Prävention und Ausstiegshilfen habe sich bewährt. Deutschland verfolge im europäischen Vergleich einen erfolgreichen cannabispolitischen Kurs. Bei einer Legalisierung kämen auf die Gesellschaft enorme Belastungen zu durch konsumbedingte Notfallbehandlungen, Verkehrsunfälle und Suizide.

Auch der Schwarzmarkt würde fortbestehen. Zudem wären bei einer Freigabe der Droge vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien gefährdet, weil sie besonders leicht verführbar und suchtgefährdet seien.

Böllinger: Krieg gegen Drogen ist gescheitert

Der Rechtsexperte Prof. Dr. Lorenz Böllinger wandte ein, Cannabis sei heute leichter, in größeren Mengen und billiger zu haben als früher. Der „Krieg gegen Drogen“ sei gescheitert. Abschreckung und Prävention funktionierten nicht. Es sei somit ein Mythos, wonach das Betäubungsmittelgesetz die Volksgesundheit schütze. Vielmehr erzeuge das Gesetz erst den profitträchtigen Schwarzmarkt. Die Folge sei eine Kriminalisierung auch von Nichtkriminellen.

Hinzu kämen Kosten in Milliardenhöhe für die Strafverfolgung. Er forderte, die gesetzgeberische und verfassungsrechtliche Legitimation des Betäubungsmittelgesetzes zu prüfen. Verschiedene Experten hatten schon vor Jahren eine Enquete -Kommission zu den beabsichtigten und unbeabsichtigten Auswirkungen des Drogenverbots gefordert.

Warnungen vor der Verharmlosung

Der Sachverständige Uwe Wicha, Leiter einer Klinik für Drogenrehabilitation, machte in der Anhörung anhand des Beispiels Alkohol deutlich, was eine Freigabe von Cannabis bewirken würde. Beim Alkohol könne auch nicht von einem kontrollierten Markt und einer sinnvollen Prävention gesprochen werden. Jugendliche sähen in Alkohol schon deswegen kein Problem, weil er legal sei. Das werde bei Cannabis genauso sein.

Auch ein Sprecher der Bundesärztekammer warnte vor der Verharmlosung dieses „hochkomplexen und hochproblematischen Stoffes“, der in immer höherer THC-Konzentration verfügbar sei. Bei einer Freigabe würde es außerdem zu einer riskanten Vermischung des illegalen und legalen Marktes kommen. Psychiater sehen in Cannabis eine problematische Droge, deren Auswirkungen auf die Psyche noch nicht vollständig erforscht sind. So sei nicht abschließend geklärt, ob der Cannabiskonsum auch Psychosen auslösen könne, erklärte der Psychiatrieverband DGPPN. Es sei weitere Forschung zu den Risikofaktoren für die psychopathologischen Wirkungen des Cannabiskonsums nötig.

Nach Angaben der Bundespsychotherapeutenkammer gibt es Hinweise auf mögliche Schäden insbesondere bei häufigem Cannabiskonsum junger Leute, so etwa Störungen der geistigen Entwicklung und in der Folge Schulprobleme. Der Verband verwies auch auf Wechselbeziehungen zwischen dem Cannabiskonsum und der Abhängigkeit von anderen Drogen wie Alkohol, Amphetaminen, Kokain und Nikotin.

Gesetzentwurf von Bündnis 90/Die Grünen

Bündnis 90/Die Grünen erklären in ihrem Gesetzentwurf die „Prohibitionspolitik“ für gescheitert. Cannabis sei weiter die am häufigsten konsumierte illegale Droge. Mit dem Schwarzmarkt, auf dem auch verunreinigte Produkte angeboten würden, werde eine gesundheitliche Gefährdung der Konsumenten in Kauf genommen. Ihr Entwurf sieht vor, Cannabis aus den strafrechtlichen Regelungen des Betäubungsmittelgesetzes herauszunehmen und stattdessen einen strikt kontrollierten legalen Markt für Cannabis zu eröffnen, der sich wirksam überwachen ließe. Dazu müsse die gesamte Handelskette mit staatlich erteilten Erlaubnissen reguliert werden.

Der Verkauf an Minderjährige soll verboten sein. Um den Jugendschutz zu fördern, sollen neben der Altersgrenze von 18 Jahren ein Mindestabstand der Cannabisfachgeschäfte von Schulen und Jugendeinrichtungen, ein Werbeverbot sowie Zugangskontrollen eingeführt werden. Ferner sollen Cannabisgeschäfte zahlreiche Auflagen erfüllen im Hinblick auf Verkauf und Schulung des Personals. Um die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen, soll ein Grenzwert für Cannabis eingeführt werden ähnlicher der Promillegrenze für Alkohol. Bei einem legalisierten Markt seien Steuereinnahmen zu erwarten. Die Grünen schlagen eine Cannabissteuer vor.

Antrag der FDP

Die FDP-Fraktion spricht sich in ihrem Antrag dafür aus, Modellprojekte für den freien Cannabis-Konsum zu ermöglichen. Der Kampf gegen den Cannabis-Konsum durch Repression sei gescheitert. Es sei an der Zeit, auf wissenschaftlicher Grundlage neue Wege in der Suchtprävention bei Cannabis zu beschreiten. Das Ziel müsse sein, die Verbreitung von Cannabis zu kontrollieren und den Gesundheits- und Jugendschutz in der Bevölkerung zu verbessern.

Die Bundesregierung wird in dem Antrag aufgefordert, die Grundlage für die Genehmigung von Modellprojekten zur kontrollierten Abgabe von Cannabis als Genussmittel zu schaffen. Bisherige Antragsteller sollten aktiv unterstützt werden. Andere Länder und Kommunen, die ein solches Modellprojekt umsetzen wollten, sollten auch unterstützt und beraten werden.

Antwort der Bundesregierung

Wie die Bundesregierung in einer Antwort ( 19/310) auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion ( 19/181) mitteilte, haben bislang zwei Kommunen Modellprojekte zur kontrollierten Abgabe von Cannabis als Genussmittel beantragt: Der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und die Stadt Münster. Beide Anträge seien vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte abgelehnt worden. Grund sei jeweils ein Verstoß gegen den Schutzzweck des Betäubungsmittelgesetzes gewesen. Die Modellprojekte trügen weder zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung bei noch seien sie zur Verhinderung des Missbrauchs von Betäubungsmitteln sowie zur Verhinderung von Drogenabhängigkeiten geeignet, hieß es.

Der Bundestag hatte im Januar 2017 einen Gesetzentwurf der Bundesregierung ( 18/10902) beschlossen, der die reguläre Ausgabe von Cannabis als Medizin ermöglicht. Eine Legalisierung von Cannabis lehnte die Bundesregierung ab.

Antrag der Linken

Die Linksfraktion plädiert im Umgang mit Cannabis zu einer Abkehr von der bisherigen Verbotspolitik. Die auf Verbote setzende Drogenpolitik sei ideologisch motiviert und gehe an der Lebensrealität vorbei. Das Ziel der Gesundheitsförderung der Bevölkerung könne nicht durch das Strafrecht erreicht werden, heißt es in ihrem Antrag, in dem für einen „progressiven Umgang mit Cannabiskonsum“ geworben wird.

So sollte von einer strafrechtlichen Verfolgung bei volljährigen Konsumenten abgesehen werden, wenn es um bis zu 15 Gramm getrocknete Teile der Cannabispflanze oder äquivalente Mengen anderer Cannabiserzeugnisse wie Marihuana oder Haschisch oder bis zu drei Cannabispflanzen zum Eigenkonsum gehe. Die durch die Entkriminalisierung freiwerdenden Mittel bei Polizei und Justiz sollten in die Prävention, Beratung und Behandlung sowie Schadensreduzierung umgeleitet werden.

Zudem sollten Möglichkeiten geprüft werden, wie legale Zugangsmöglichkeiten zu Cannabis geschaffen werden könnten, etwa über eine staatlich kontrollierte Abgabe, um die Entstehung von Schwarzmärkten und die damit verbundene organisierte Kriminalität und das Risiko gesundheitlicher Schäden durch mangelhafte Qualität einzudämmen. (pk/27.06.2018)

Liste der Sachverständigen

Verbände/Institutionen

  • Bundesärztekammer (BÄK)
  • Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK)
  • Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN)
  • Drogenhilfe Köln gGmbH
  • GKV-Spitzenverband

Der Bundestag hat am Donnerstag, 29. Oktober 2020, einen Entwurf von Bündnis 90/Die Grünen für ein Cannabiskontrollgesetz (19/819) abgelehnt. Der Gesundheitsausschuss hatte dazu eine Beschlussempfehlung abgegeben (19/23606). Die Linke unterstützte den Gesetzentwurf der Grünen, die FDP enthielt si…